Mythos: Zweisprachige Kinder sprechen später

Zweisprachigkeit weckt nach wie vor viele Emotionen – und leider auch zahlreiche Mythen. Einer der am häufigsten wiederholten ist die Annahme, dass zweisprachige Kinder später zu sprechen beginnen. Oft hört man auch Aussagen wie: „Jungen sprechen sowieso später – und zweisprachige Jungen erst recht.“

Als Redaktion von Bilinguales Wien möchten wir diesen Mythos klar widerlegen – gestützt auf aktuelle sprachwissenschaftliche Erkenntnisse, Forschung zur Sprachentwicklung sowie langjährige praktische Erfahrung in der Arbeit mit zweisprachigen Familien.

Zweisprachigkeit verzögert die Sprachentwicklung nicht

Die wichtigste Botschaft gleich zu Beginn lautet:

Zweisprachigkeit verzögert die Sprachentwicklung nicht.

Zweisprachige Kinder erreichen sprachliche Meilensteine in einem ähnlichen Zeitraum wie einsprachige Kinder – allerdings nicht immer gleichzeitig in beiden Sprachen. Gerade diese Ungleichzeitigkeit ist häufig die Ursache für Missverständnisse und elterliche Verunsicherung.

Meilensteine der Sprachentwicklung – was ist zu erwarten?

Die Sprachentwicklung verläuft bei Kindern – unabhängig davon, ob sie ein-, zwei- oder mehrsprachig aufwachsen – nach ähnlichen Entwicklungsphasen:

Bis zum 6. Lebensmonat
Reaktion auf Geräusche, Blickkontakt zur sprechenden Person, erstes Gurren (Vokalisieren).

6–12 Monate
Lallen, Zeigen mit dem Finger, Aufbau geteilter Aufmerksamkeit, Verstehen einfacher Gesten und Wörter.

Etwa 12–15 Monate
Erste Wörter – häufig lautmalerische („wau wau“) oder vereinfachte Formen („bu“ für Schuhe).

Etwa im 2. Lebensjahr
Mindestens ca. 50 Wörter insgesamt sowie erste kurze Äußerungen wie „Mama am“ oder „Hund wau“.

Etwa im 3. Lebensjahr
Verständliche Kommunikation auch für Außenstehende sowie 4–5-Wort-Sätze in mindestens einer Sprache.

Ein gemeinsamer Wortschatz – der Schlüssel zum Verständnis von Zweisprachigkeit

Wenn ein einsprachiges Kind im Alter von etwa zwei Jahren durchschnittlich rund 50 Wörter kennt, bedeutet das nicht, dass ein zweisprachiges Kind diese Anzahl in jeder Sprache separat beherrschen muss.

Zweisprachige Kinder verfügen über einen gemeinsamen Wortschatz, der sich auf zwei oder mehr Sprachen verteilt. Dieser Wortschatz entwickelt sich proportional zur sprachlichen Exposition, etwa im Verhältnis 30 % Herkunftssprache – 70 % Umgebungssprache oder 60 % – 40 %, abhängig vom Alltag und Bildungsweg des Kindes.

Für Außenstehende – manchmal sogar für die Eltern selbst – kann es so wirken, als kenne das Kind „weniger Wörter“. Tatsächlich ist der gesamte Wortschatz über alle Sprachen hinweg betrachtet altersgerecht entwickelt.

Wichtig ist jedoch: Wird die Herkunftssprache nicht von Beginn an bewusst gefördert, kann die Umgebungssprache sie zunehmend dominieren oder sogar verdrängen. Deshalb ist eine aktive Unterstützung beider Sprachen – insbesondere der Herkunftssprache – von zentraler Bedeutung.

Ungleichmäßige Sprachentwicklung ist die Regel – kein Problem

Es ist völlig normal, dass:

  • sich eine Sprache schneller entwickelt,
  • die Herkunfts- oder Zweitsprache später aufholt – wenn sie bewusst gefördert wird,
  • Kinder unterschiedliche Sprachen in verschiedenen Lebenskontexten verwenden.

Zweisprachigkeit entsteht nicht automatisch. Kinder lernen zwei Sprachen nicht mithilfe eines „magischen Zauberstabs“, sondern durch bewusstes Engagement der Eltern und des Umfelds, durch Investitionen in sprachliche Bildung und durch regelmäßigen Kontakt mit beiden Sprachen.

Tipps von Bilinguales Wien für Eltern

  • Beurteilen Sie die Sprachentwicklung Ihres Kindes immer ganzheitlich – nicht nur anhand einer Sprache.
  • Fördern Sie beide Sprachen, mit besonderem Fokus auf die Herkunftssprache.
  • Behalten Sie im Blick: Verstehen geht dem Sprechen oft voraus.
  • Wenden Sie sich bei Unsicherheiten an Fachpersonen mit Erfahrung im Bereich Zweisprachigkeit.

Podcast-Empfehlung

🎧 Bilinguales Wien – „Logopädische Herausforderungen von zweisprachigen Kindern“

Wort der Autorin

Dr. Natalie Kosch, langjährige Lehrende für Polnisch und Deutsch als Fremdsprache, Sprachwissenschaftlerin und polonistische Glottodidaktikerin:

In meiner täglichen Arbeit begegne ich immer wieder Mythen rund um die Zweisprachigkeit. Ziel dieses Artikels ist es nicht nur, diese zu entkräften, sondern vor allem Eltern darin zu bestärken, ihre Kinder bewusst, ruhig und kompetent auf ihrem sprachlichen Entwicklungsweg zu begleiten.